Nein, ich komme jetzt nicht um die Ecke und rechne euch vor, wie teuer unsere Periode ist (so wie es EDITION F neulich tat), nein, ich lamentiere nicht über die „Pink Steuer„, also die Tatsache, dass wir als Frau beim Frisör draufzahlen, Parfumflaschen teurer sind als das maskuline Pendant, Rasierzeugs u.v.m. Das ist alles schon böse genug. Es kommt noch dicker…
Heute geht es um eine – wie ich finde – noch tiefgreifendere Gender-Ungerechtigkeit: Vivien Ming hat mehrere Start-Ups aufgebaut, zuerst als Mann, dann als Frau. Im Umgang mit Investoren hat sie als Mann viele Erfahrungen gesammelt, ihre Technologien wurden nie in Frage gestellt, auch nach der Geschlechtsumwandlung nicht. Dennoch war das Verhalten ihrer Gesprächspartner ein anderes. (Am unfassbarsten finde ich die Stelle im Interview, in dem sie beschreibt, wie ihr der potentielle Kapitalgeber nach ihrer Präsentation den Kopf tätschelt).

Frau Ming begründet das Verhalten sachlich: „Unser Gehirn ist hochentwickelt, allerdings träge, wenn es entscheiden muss. Die Entscheidungsmodelle basieren auf simplem Zählen. Wenn ein Investor vor allem männliche Ingenieure erlebt hat, wird er bei der Beurteilung von Businessplänen auf diese Erfahrung zurückgreifen und vor allem die der Männer gut beurteilen. Dass es mehr männliche als weibliche Ingenieure gibt, heißt aber nicht, dass die weiblichen schlechter sind. Sie passen einfach nur nicht zu den Entscheidungsmodellen in den Köpfen der Investoren.“

Frau Ming hat angefangen, das Phänomen zu untersuchen. Sie hat mehr als 100.000 Unternehmer und Unternehmerinnen über 10 Jahre hinweg verfolgt, öffentlich zugängliche Daten gesammelt und auch das Wissen des amerikanischen Zensus-Büros verwertet. Ein Ergebnis ist, dass allein der weibliche Vorname Geld kostet: eine Josephine erhält nur rund 60% des beantragten Budgets, welches ein Joseph erhalten würde. Auch hat die Studie ergeben, dass Minderheiten wie Schwarze oder Homosexuelle ebenso ein Nachsehen haben.

Es ist wichtig, diese Voreingenommenheiten zu korrigieren. Neulich erlebte ich in der Kantine, wie eine schick gekleidete Kollegin (kurzer Rock, Merino-Pulli, blickdichte Strumpfhose und Stiefeletten) reinkam und ein andere Kollege einen Spruch ließ: „Na, heute Gehaltsverhandlungen?“. Uns blieb kurz das Essen im Hals stecken. Und jetzt das absurde: ich halte diesen Kollegen nicht für einen Macho (habe so einen Spruch auch erstmalig bei ihm erlebt), ich bin der festen Überzeugung, dass er sich nichts dabei gedacht hat.
Er fand es wohl witzig… und es ist wichtig, ihm an dieser Stelle klar zu machen, dass es NICHT WITZIG ist, sondern ernste Vorurteile schürt.

An dieser Stelle reagierte ich „nur“ mit der Gegenfrage, ob er, wenn er ein Vorstellungsgespräch bei einer Frau hätte, denn auch im Muskle-Shirt kommen würde… und erntete einen verdutzen Blick. „Ach, das ist plötzlich nicht das Gleiche?“.

Und ja: es macht mich wütend, sehr sogar. Aber jede(r) von uns kann dagegen halten. Jede(r) auf ihre Art, leise (mit einem Gegenspruch) oder eben lauter wie die Freie Mitarbeiterin Birte Meier, die Anfang des Jahres das ZDF aufgrund von Entgeltdiskrimierung verklagt hat (erfolglos).

Das Interview mit Vivien Ming ist in der FAZ erschienen, darauf aufmerksam wurde ich über das Magazin Saal II.

Übrigens war es wahnsinnig schwierig, ein Bild zu finden, welches diesen Artikel anteast. Denn auch Bildwelten zu „Businessfrauen“ sind ganz schön klischeehaft.

Wie sind eure Erfahrungen? Fühlt ihr euch gleichberechtigt behandelt? Im Job, aber auch anderswo? Wo sind die größten Ungerechtigkeiten?